Nora im Ashram: die weiteren Tage

Die Routine im Ashram hat etwas beruhigendes. Das frühe Aufstehen fällt mir nicht schwer, kann ich doch von meinem Zimmer aus direkt zum Springbrunnen schlurfen und bei der Meditation noch ein bisschen die Augen schliessen. Die aufgehende Sonne ist schön, die Vögel zwitschern, der Springbrunnen plätschert.

Das Mantra habe ich jetzt drauf, habe mir einen Spickzettel gemacht. Die Menschen, sie rülpsen und rotzen wieder. Ich finde es ekelig, aber hier soll man ja alles rauslassen.

Etwas über 3000 Mal habe ich es gesungen.
Etwas über 3000 Mal habe ich es gesungen.

Ratu trägt an diesem Morgen Blazer und ein funny T-Shirt auf mit dem Ausdruck “I love myself so much”. Ich finde ihn ja irgendwie knuffig. Er erklärt, dass nicht er zu uns spricht, sondern durch ihn das Universum. Frau L. furzt, alle lachen, Ratu sagt “Let it flow!” Cool, der Ratu.

Der Taman!
Der Taman!

Beim Shaken versuche ich alles zu geben. Die Füsse schlafen ein, die Knie schmerzen, der Rücken, die Brüste auch. Aber gerade dann soll man weiter shaken, “go through it”. Ich reduziere die Intensität, am dritten Tag schwänze ich eine Stunde Shaken nach der Morgenmediation und verlasse den Taman am Abend eine Stunde früher. Das soll man auf garkeinen Fall machen, erklärt mir Frau A. Einige Damen legen sich kleine Glocken um die Taille. Es herrscht ein Lärm im Taman, der mir ab und an gehörig auf den Senkel geht. Ich gehe auf die Toilette und muss pausieren. Meine Güte! Ein paar Mal hoffe ich, dass die zwei Stunden Shaken bitte schnell vorbei sein mögen.

An einem Morgen der ersten Tage spricht Ratu mich nach dem Shaken an und fragt, ob everything OK sei. Ich gehe auf ihn zu, hocke mich hin und brabbel irgendwas ungefragtes. Ich bin immer noch verunsichert. Dabei kann man ganz normal auf ihn zugehen, so Frau D. und auch mit ihm über das Shaken reden oder ihn Dinge fragen. Ich denke immer noch, er kann meine Gedanken lesen. Abends sitzt er vor der Glotze in seinem Kingsize Stuhl und schaut indische Soap Opera. Ich muss schmunzeln. Auch ein Guru ist nur ein Mensch. Vielleicht gehe ich doch mal hin und frage ihn wegen meiner Schulter. Früher war er ein Balian, ein Heiler. Probieren kann man es ja mal.

Mittlerweile habe ich auch vom gesegneten Tabak erfahren, die so genannte Ratu Medizin. Den stopft man sich entweder in die Unterlippe oder man produziert ein Liquid, das man sich mittels einer Spritze die Nase zieht. Ich erhalte eine Kostprobe von Herrn T. Mir schiessen die Tränen in die Augen und ich muss mich hinsetzen. Der Kopf kribbelt. Nein, nicht hinsetzen, weiter shaken! Ich kann nicht, habe das Gefühl, dass ich sonst umfalle. Krass! So ganz ohne Hilfsmittel klappt die Connection zum Universe also doch nicht. Alle spritzen, ich kaufe mir die Utensilien. Wenn schon, denn schon.

Das Shake Besteck...
Das Shake Besteck…

Man sollte beim Rütteln das Foto von Ratu fixieren, dann fällt es wohl leichter an nichts zu denken. Ich mag nicht, ich mag keinen Guru anbeten. Ich versuche es aber, sein Gesicht verformt sich zu einem breiten Grinsen, zusammen mit dem Hintergrund kriegt er irgendwie Affenohren. Zuviel heilige Tabakmedizin? Meine Beine zittern ab und zu wie elektrisch aufgeladen. Tut sich da etwa was? Ich führe es auf eine Art Muskelkrampf zurück. STOP! “Less thinking, more doing!”

Ratus berührt mich mehrmals an der Wirbersäule, dort sitzt das Sakral Chakra. Ick merk nüscht! “Electric, electric, electric” wiederholt er…. Hmmmmm….
Ich grinse ihn stets freundlich an, wenn er mich anguckt. Ich habe Ehrfurcht vor ihm und frage mich immer noch, ob er mich durchschaut und weiss, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin.

Beim Essen wird viel über den letzen Shake gesprochen. Unter den Teilnehmern sind Neulinge, die auch nix merken. Da bin ich ja beruhigt. Das sei normal, am Anfang dauert es einfach seine Zeit, bei manchen hat es zwei Jahre oder länger gebraucht. Viele haben Probleme. Krebs, Depressionen, Familienschicksale. Sie alle erhoffen Hilfe aus dem Universum und von Ratus. Bei manchen hat es geholfen. Frau L. hat so den Grossteil ihres Krebs besiegt. Nur im Gehirn sitzt noch etwas. Manche sind seit vier Monaten im Ashram.

Neuling Frau D. merkt etwas, als Ratus sie an die Hand nimmt. Ein blaues Licht erscheint ihr. Auch Herr J. aus Ungarn fällt um. Ich bin etwas neidisch. Mich nimmt er nicht an die Hand. Ich shake an einem Morgen so sehr, dass ich total schwitze und völlig am Ende bin. Dennoch nix gemerkt. Auf dem Bett penne ich ein, erscheine zu spät zum Spüldienst und werde ermahnt. Geht’s noch?

Fünf Tage lang rauche ich nicht und trinke auch keinen Alkohol. Fällt auch nicht schwer, aber den heiligen Tabak zu rauchen muss ich dennoch mal probieren. Es knallt mir die Lunge weg. Ich bezweifle ein wenig, ob das mit dem Liquid in die Nase schiessen so gesund sein kann…. Angeblich soll es detoxing sein.

Ratu ist auf einmal verschwunden. Dein Tage lang. Er ist nach Jakarta geflogen und sitzt nun dort fest, da ein Vulkan Rauch und Asche spuckt und der Flughafen von Denpasar gesperrt ist. Na toll, so viel Geld bezahlt und der Meister ist nicht da. Und wegen der Schulter kann ich nun auch nicht fragen. Kann man aber nix machen. Alle sind traurig und vermissen ihn. Ich hätte mir noch mehr Talks von ihm gewünscht. Zum Saturday night Fever ist er endlich wieder da. Alle sind total glücklich und rasten derbe aus. Ein Frau verdreht die Augen, kommt garnicht mehr klar und schreit “I love you Ratu!” Hm, Autogrammkarten gibt es wohl im Shop zu kaufen.

Die Bude ist voll, es sind auch viele Locals da, ein Getöse! Sie waschen ihm die Füsse. Ich habe beschlossen, es nun mit Musik zu versuchen und mir eine technoide Playlist zusammen gestellt. Geht doch! Ich habe Gänsehaut und kann shaken wie noch nie und es tut mir auch nix weh! Music is my religion!

Ich gönne mir eine Massage bei der balinesischen Frau P. Sie hatte Asthma und wurde durch das Shaken geheilt. Ich glaube ihr und freue mich für sie.

Am Sonntag Morgen ist mein letzter Shake. Ich zelebriere ihn.

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